Flüchtlinge in der Weststadt

Link zum RNZ-Artikel am 25.Februar 2016: “Die Weststädter packen`s einfach an.”

(via Email) Anbei ein Beitrag für das Bürgerforum zur Unterbringung von Flüchtlingen. Es geht darum, unter welchen Bedingungen die Unterstützung und Hilfsbereitschaft steigt aber auch, unter welchen Bedingungen sie abnehmen kann. Da für unsere Weststadt der Wilhelmsplatz eine sehr hohe Bedeutung hat, sollten wir dieses Thema in der Weststadt intensiv diskutieren.

Die Unterstützung für Flüchtlinge steigt, wenn dadurch das eigene Leben besser wird.
Von Claus Wendt

Heidelberg ist die zentrale Erstaufnahmestelle in Baden-Württemberg, in der mehrere Tausend Flüchtlinge untergebracht, registriert und medizinisch untersucht werden, bevor sie an andere Unterbringungen im Bundesland weitergeleitet werden. Die Bürgerinnen und Bürger der Universitätsstadt haben mit großstädtischer Gelassenheit reagiert. Mit Interesse, Hilfsbereitschaft und auch mit kritischen Fragen, wie es weitergeht. Die Ankündigung, dass das Drehkreuz für die Erstaufnahme im Gegenzug bei der längerfristigen Unterbringung entlastet werde, hat zur Beruhigung beigetragen. Mit dieser ausgleichenden Kombination aus Belastung und Entlastung scheint es nun vorbei zu sein.
Nach Auskunft der Stadtverwaltung und von Oberbürgermeister Eckart Würzner sollen ab 2016 an 50 Standorten jeweils 20 bis 100 Flüchtlinge über die gesamte Stadt verteilt werden. Die Idee ist, dass keine weiteren größeren Wohnbereiche geschaffen werden, sondern dass über kleinere Einheiten mit bis zu 100 Menschen die Integration besser gelingen soll.

Dieses Konzept bedeutet, dass Wohncontainer an zentralen Plätzen in Heidelberger Stadtteilen aufgestellt werden, dort, wo am Samstag Markt ist, Fußball und Basketball gespielt wird, die Stadtteilfeste stattfinden. In der Weststadt sollen Wohncontainer auf dem Wilhelmsplatz aufgebaut werden.
Es ist zu befürchten, dass dieses Konzept das Gegenteil von dem bewirkt, was erreicht werden soll. Es verkennt, dass Solidarität, Hilfsbereitschaft und soziales Engagement nicht vor allem auf Wohltätigkeit und dem Fürsorgegedanken basieren. Der Kern der enormen Hilfsbereitschaft, die wir gegenwärtig überall dankbar wahrnehmen und die Teil der politischen Kultur in Deutschland geworden ist, ist ein Solidaritätsgedanke nach dem auch diejenigen, die geben, dadurch ein besseres Leben haben.
Die schwedischen Soziologen Walter Korpi und Joakim Palme haben diese Erfahrung „Paradox of Targeting“ genannt. Damit ist gemeint, dass nicht Fürsorgeprogramme, in denen das gesamte Geld zielgerichtet an die Armen verteilt wird, Armut besser bekämpfen, sondern universelle Programme, in denen Sozialleistungen allen Mitgliedern der Gesellschaft zur Verfügung stehen. Warum ist das so?
Die Antwort lautet, dass Leistungen, an denen auch mittlere und höhere Einkommensgruppen partizipieren, eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung finden. Die Bereitschaft, von seinem Wohlstand abzugeben steigt, wenn Kinderbetreuung, Spiel- und Sportmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung auch für die eigene Familie besser werden.
In Deutschland haben sich vielfältige Institutionen herausgebildet, die Partizipationschancen eröffnen. Diese reichen von Stadtteilvereinen, Sportvereinen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden bis zu Eltern- und Schülerinitiativen. In allen Lebensbereichen ist es möglich, sich zu engagieren, und diese Möglichkeiten werden zahlreich genutzt. Ständig kommen neue hinzu. Immer geht es darum, in dem eigenen Umfeld zu einem besseren Leben beizutragen. Durch die praktizierte Solidarität lernen wir, dass sich dadurch unsere eigenen Lebensbedingungen verbessern und sich die soziale Sicherheit nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst erhöht.
Diese teilhabende Solidarität hat zu der großen Hilfsbereitschaft in Deutschland geführt, dazu, dass bei Katastrophen und Hungersnöten die deutschen Bürgerinnen und Bürger Jahr für Jahr Spendenweltmeister werden. Das liegt nicht daran, dass wir mehr Mitgefühl mit Notleidenden haben als die Menschen anderer Länder. Dadurch, dass wir immer wieder erfahren konnten, dass unser soziales Engagement unser eigenes Leben und nicht nur das Leben der anderen verbessert, haben wir Vertrauen in das Prinzip der solidarischen Unterstützung aufgebaut.
Vertrauen hat in unserer modernen und offenen Gesellschaft eine hohe Bedeutung. Es bildet den Kitt, der viele Teilbereiche in unserer Gesellschaft zusammenhält und ein gesellschaftliches Miteinander ermöglicht. Es dauert lange, bis sich ein ausreichend hohes Vertrauen aufbaut. Es entsteht beispielsweise über positive Erfahrungen mit politischer Partizipation und gesellschaftlichem Engagement. Diese positiven Erfahrungen bilden das Fundament unserer politischen Kultur. Bei negativen Erfahrungen kann dieses Vertrauen sehr schnell wieder zerstört werden. Es ist ein Gut, das sehr sorgsam zu behandeln ist.
Für gesellschaftliche und politische Entscheidungen in der Flüchtlingskrise bedeutet das, dass Lebensbereiche, die für die Bevölkerung eine hohe Bedeutung haben, mit besonderer Sorgfalt zu behandeln sind. Es ist darauf zu achten, dass Unterbringungen nicht an Orten geschaffen werden, an denen dadurch die Lebensqualität erheblich eingeschränkt wird. Besonders dann nicht, wenn es Orte sind, an denen gesellschaftliches Miteinander praktiziert wird. Sporthallen, öffentliche Parks und Freizeitanlagen und vor allem Marktplätze von Stadteilen oder Stadtzentren gehören dazu. Die Lebensqualität wird eingeschränkt und gesellschaftliches Engagement kann nicht mehr in dem gewohnten Rahmen geübt werden, wenn diese Räume fehlen. Bleibt die Erfahrung aus, dass durch solidarische Unterstützung auch die eigene Lebensqualität steigt, werden langfristig auch rein wohltätige Aktivitäten wie Spenden sinken.

Claus Wendt ist Professor für Soziologie an der Universität Siegen und lebt mit seiner Familie in der Weststadt

Link zum RNZ-Interview mit Bürgermeister Gerner

Link zum RNZ-Artikel am 25.Februar 2016: “Die Weststädter packens einfach an.”

13 Kommentare zu “Flüchtlinge in der Weststadt”

  1. Heinrich Gölz sagt:

    Jeder Stadtteil in Heidelberg wird Asylanten aufnehmen um Sie zu integrieren .Auch dort wo die die “guten” Menschen wohnen wie in der Weststadt , Neuenheim und Handschuhsheim , die ja immer von der Willkommenskultur .sprechen, solange Sie weit weg in der PHV untergebracht sind. Etwas mehr Toleranz Ihr Weststädter und nicht das St.Florian Prinzip.

  2. Rainer Klingler sagt:

    Lieber Herr Heimpel,
    “… , was da am Rande des Platzes entstehen soll.” schreiben Sie.
    Ich hatte ja weiter unten schon einmal über den tatsächlichen Flächenbedarf nachgedacht. Wo ist den dieser geräumige Rand des Wilhelm-Platzes? Der Platz ist umgeben von Baumreihen, die ja wohl nicht entfernt werden sollen. Dann ist er umgeben von Flächen des ruhenden und fließenden Verkehrs, die auch nicht umgenutzt werden können, da es keine Ersatzflächen gibt. Und nach meiner Kenntnis als Anwohner ist jeder Quadratmeter der nördlichen Weststadt intensivst genutzt. Schon jetzt parken am Abend die letzten 5% der Heimkommer halblegal und strafzettelgefährdet, da die Stadt durch die Bahnhofstraßengestaltung die Situation in der nördlichen Weststadt deutlich verschlechtert hat. Es gab ja auch keine Angebote in den neuen Tiefgaragen, wie vorher behauptet.

    Faktisch sollte man im Klartext doch besser vom Wilhelmplatz insgesamt reden! Also am “Rande” des Wilhelmplatzes werden 150+ Menschen nicht untergebracht werden können. (nach bisherigen Erfahrungen aus 2015 kommen ja letztlich deutlich mehr Flüchtlinge, als jeweils angenommen/angekündigt).
    Ich warte dann mal gelassen und mit freudiger Erwartung auf die Planungsvarianten, die die Stadtverwaltung ja in gewohnter Transparenz uns sicher bald vorlegen wird.

  3. Als Pfarrer in der Gemeinde Philipp Neri, deren Bonifatiuskirche an den Wilhelmsplatz angrenzt, sehe ich der neuen Situation gelassen und mit freudiger Erwartung entgegen. Sicher kann und darf man unterschiedlicher Meinung zu dem sein, was da am Rande des Platzes entstehen soll. Nur sollten wir nicht vergessen, dass es dann einmal konkrete Menschen sind, die dort einziehen. Und ich traue unserem so bunten und offenen Stadtteil zu, dass wir nicht eifersüchtig irgendetwas verteidigen müssen (ja was denn auch?), sondern dass es uns allen miteinander gelingt, die Flüchtlinge, die dort sehr beengt und bescheiden leben werden, als Menschen und Mitmenschen anzunehmen. Es wäre ein Armutszeugnis für unseren Stadtteil, wenn uns das nicht gelingen würde.
    Und ich rechne fest damit, dass das unserem Leben auch eine neue gesteigerte Qualität geben kann (vgl. den Ansatz von Herrn Wendt): Es wird zwar nicht um ein Mehr an materiellen Werten oder Vorteilen gehen, dafür aber um das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und die Menschlichkeit wachsen zu sehen. Wenn das kein Plus für die Weststadt ist!

  4. Christian Lenz sagt:

    Liebe Petra, in Deinem Sinne, ein hoffentlich als sachlich verstandener Beitrag :-)

    Es gibt Beispiele aus anderen Gemeinden, in denen man sich bewusst gegen Container entschieden hat. Eine Stigmatisierung sollte damit vermieden werden. Man wollte auch keinen Schandfleck für den Ort und da haben die Leute eben die Köpfe zusammengesteckt und sich etwas einfallen lassen.

    Im September hat beispielsweise die Gemeinde Waakirchen in Bayern mit den Vorbereitung zum Bau von neuem Wohnraum begonnen. Mittlerweile ist dort klar, der Wohnraum soll sowohl Flüchtlingen als auch bedürftigen Einheimischen zu Gute kommen. Das stärkt auch den Zusammenhalt in der Gemeinde.

    http://www.merkur.de/lokales/region-tegernsee/waakirchen-ort84106/waakirchen-haeuser-statt-container-fluechtlingsunterkunft-5512126.html

    Wäre das so verkehrt für uns?

  5. Rainer Klingler sagt:

    Mit Interesse habe ich hier die Beiträge der Diskussion gelesen. Ist den Beitragsschreibern die reale Größe des Platzes bekannt? Da ich ums Eck wohne und dort oft vorbeikomme, schätze ich ca ein Handballfeld Platz?
    20 m x 50 m sagt grob die Karte macht 1000m2.
    Ich bin jetzt kein Spezialist in Wohncontainern , würde mir aber doch für eine 4-5 köpfige Familie mal mindestens einen Container vorstellen, wie er im Tiefbaugewerbe mit 30 ft (Fuß) = 9 m Länge und 2,5 m Breite Verwendung findet. Macht 22,5 m2 Grundfläche mal 25 Container macht dann 560 m2 nur die Container bei 100 Bewohnern. Nehmen wir die gleiche Grundfläche des Containers noch als “Vorplatz” / Abstand zum Nachbarn brauchen wir ca 1100 m2 Grundfläche. Womit die Gesamtfläche des Willis schon ziemlich verbraucht ist. Da möchte sicherlich noch die Feuerwehr / Brandschutz Zugangswege definieren?
    Also, wenn wir als Weststädter zustimmen, sollte uns schon klar sein, dass unser Neu-Community-Platz Willy mit Markt und Sommerspektakel mal ein paar Jahre ? aussetzen muss.
    Vielleicht bieten sich ja die Freizeitflächen um die Bonifatius Kirche übergangsweise an? Für einen verkleinerten Markt. Das die Spektakel und Feste mal ein paar Jahre ausfallen für den guten Zweck ist ja nun wirklich nicht dramatisch. Vielleicht kann man aber auch die jetzt schöne Bahnhofstraße für ein Festwochenende sperren und die Feste hierher verlagern – als Straßenfest?
    Ich denke, auf jeden Fall sollten wir die Sache erst einmal konkret durchdenken und planen, bevor wir uns wieder in die in Heidelberg so geliebte politisch wissenschaftlich multiethisch religiöse Dimension reinstreiten…
    Oder der OB mit Sonderermächtigungsgesetz bestimmt es am Ende einfach autokratisch, in geheimer Planung, während hier noch sozialwissenschaftlich diskutiert wird.
    Gefallen haben mir die Samstage schon mit Markt und Musik und den vielen Heidelbergern, die nicht nur zum schnellen Einkaufen auf den Platz kamen und bis in den Nachmittag den Platz belebten.

    Allen noch ein gesundes und inspirierendes 2016!

  6. Petra Knaus sagt:

    Wie ein sachlicher Beitrag zur verbesserten Integration in der Weststadt solche Reaktionen hervorbringen kann (und gar Karl Marx bemüht wird), offenbart wie reizbar und argwöhnisch unsere Gemeinschaft geworden ist. Sofort werden Absichten unterstellt und man ereifert sich in einem Zitatewettstreit. Dieses Klima ist befremdlich und das gelebte Gegenteil von offenherziger Toleranz, die doch viele zu verteidigen meinen. Wie leicht wir zudem unsere guten Beziehungen auf dem Altar der politischen Meinungsmache opfern. Dann frage ich aber, welche ach so erhabenen Werte verteidigen wir noch? Wir möchten alle das Beste für die Weststadt und unsere Gemeinschaft, gehen dabei aber aufeinander los als wären wir Fremde und eben keine solche Gemeinschaft. So gespalten habe ich uns nie erlebt und das lässt mich für die Integration neuer Mitglieder unserer Gemeinschft nichts Gutes erwarten.

  7. Hans J. Klöpper sagt:

    Herr Nestor ordnet mich als “Alttiefschwarzer” ein. Nicht nur ich bin davon überrascht. Eine solche Bewertung aus dieser Politecke ist aber nicht weiter tragisch. Die engen politischen Denkmuster von Christoph Nestor sind bekannt.
    Wenn man meine kurze Einlassung v. 29.12. liest, wird man feststellen, das ich die Ausführungen von Herrn Wendt lediglich als beachtenswert eingeschätzt habe. Eine Zustimmung läßt sich dadurch nicht ableiten. Nachdem nun aber die üblichen Sozialromantiker ihren Beitrag geleistet haben, stelle ich doch eine weitgehende Übereinstimmung mit den Ansichten von Claus Wendt fest.
    Allerdings benötige ich dazu nicht die Ergebnisse aufwändiger Sozialstudien, die ein anderer Kommentar ja auch genteilig schildert. Mir reicht, was ich an Ansichten von Anwohnern in der Weststadt höre. Das ist immer noch eine gute und bewährte Methode, ein Stimmungsbild zu erkennen. Und darauf kommt es an, wenn es zum Vollzug der angedachten Maßnahmen kommt. Ich denke, dass die auf diese Weise am “Willi” untergebrachten Flüchtlinge keine gute Atmosphäre vorfinden.
    Spätestens dann stellt sich die Frage ob man diesen Menschen mit dem Standort einen Gefallen tut. Es kommt gar nicht auf die (durchaus fragliche) Einschränkung der Lebensqualität einzelner Weststadtbürger an. Vielmehr ist zu befürchten, dass die schon schwierige Situation der Flüchtlinge durch den erheblichen sozialen Kontrast den sie vorfinden werden , noch schwieriger wird. Die angestrebte Integration scheint mir damit äußerst gefährdet.

  8. Christoph Nestor sagt:

    Claus Wendt schreibt: “Mit dieser ausgleichenden Kombination aus Belastung und Entlastung scheint es nun vorbei zu sein. Nach Auskunft der Stadtverwaltung und von Oberbürgermeister Eckart Würzner sollen ab 2016 an 50 Standorten jeweils 20 bis 100 Flüchtlinge über die gesamte Stadt verteilt werden. Die Idee ist, dass keine weiteren größeren Wohnbereiche geschaffen werden, sondern dass über kleinere Einheiten mit bis zu 100 Menschen die Integration besser gelingen soll.” Damit stellt er einige Behauptungen auf.

    Das bedarf einiger ganz unsoziologischen Klarstellungen bzw. Faktenchecks.
    1. Faktencheck “Belastung”:
    Mit “Belastung” ist das PHV gemeint, dass zunächst ab Herbst 2014 Noterstaufnahme für Flüchtlinge war und seit dem Sommer 2015 von der grün-roten Landesregierung als Modelleinrichtung namens “Registrierungszentrum für ganz Baden-Württemberg” gepriesen wird. Daher stammt auch der berühmte Satz: “Die sind nicht lang da”. Allerdings sind jetzt immer noch über 5000 Flüchtlinge mit sehr verschieden langer Aufenthaltsdauer dort. Seit der neuen Funktionsbezeichnung und vor allem seit es die tatkräftige Bürgergruppe “Kirchheim sagt ja!” gibt, hat sich die veröffentlichte und weiterverbreitete Meinung über die Flüchtlinge im PHV von viel verbaler Aufregung über nachweisliche Nicht-Ereignisse in Akzeptanz und Zufriedenheit verwandelt.
    2. Faktencheck “Entlastung”:
    Mit “Entlastung” ist gemeint, dass die Landesregierung im Frühjahr 2015 aufgrund der verbalen Aufregung um das PHV zusagte, über die 580 in der Stadt Heidelberg – und nicht im PHV – untergebrachten Flüchtlinge hinaus bis Ende 2015 der Stadt selbst keine weiteren Flüchtlinge zur Anschlussunterbringung zuzuweisen. Bei 150.000 Einwohnern wären bereits 2015 weitere rund 1.500-2.000 Flüchtlinge nach Heidelberg gekommen! Außer der AfD nahmen alle Rathausparteien zustimmend zur Kenntnis, dass ab 2016 so viele weitere Flüchtlinge nach Heidelberg-Stadt kommen.
    3. Faktencheck “Mit dieser ausgleichenden Kombination … scheint es nun vorbei zu sein”:
    Mit “ausgleichenden Kombination” ist gemeint, dass es im Frühjahr 2015 zu dem Zuweisungsstop kam. Allerdings wuchs die Zahl der Flüchtlinge im PHV von damals 2-3.000 weiter bis 6.000 im Spätsommer. Die “Beruhigung” trat im Wesentlichen durch die Aktivitäten von “Kirchheim sagt ja!” ein. Die RNZ veröffentlichte eine Recherche der monatelang kolportierten Skandale um Flüchtlinge aus dem PHV, wobei sich herausstellte, dass sie nicht auf Fakten beruhten. Die Stadt kümmerte sich auch um das PHV, obwohl es eine Landeseinrichtung ist. Es war immer klar, dass die Privilegierung durch die o.a. Nichtzuweisungsvereinbarung 2015 endet. Wendt erweckt in seinem Text den falschen Eindruck, dass die “ausgleichende Kombination ” auf Dauer angelegt war.
    4. Faktencheck: : “keine weiteren größeren Wohnbereiche”
    Da es um kurzfristige Unterbringung von 1.500 bis 2.000 neuen Flüchtlingen ab 2016 geht, kann Wendt hier keinen Neubau meinen, sondern er meint: Kasernen. Es gab und gibt aber bis heute einen breiten Konsens in Heidelberg, dass die Kasernen nicht als temporäre Unterbringung sinnvoll sind.
    5. Faktencheck: ” Nach Auskunft der Stadtverwaltung und von Oberbürgermeister Eckart Würzner… keine weiteren größeren Wohnbereiche … sondern dass über kleinere Einheiten mit bis zu 100 Menschen die Integration besser gelingen soll.”
    Die dezentrale Unterbringung ist auch überhaupt keine aktuell neue Idee des Oberbürgermeisters (die Wendt “aufdeckt”). Ab dem Sommer 2015 wurde die Vorbereitung einer dezentralen Unterbringung weiterer Flüchtlinge ab 2016 vorbereitet. Es gab einen “Flüchtlingsgipfel” mit allen Stadtteilen und Initiativen. Der Gemeinderat hat bis auf die AfD einstimmig das dezentrale Konzept statt Kasernenunterbringung gebilligt. Alle Bezirksbeiräten und der Gemeinderat stimmten der dezentralen Unterbringungsliste vom Dezember zu.
    Mein persönlicher Kommentar :
    Dass der Stadt Heidelberg 2015 erspart blieb, einige Turnhallen oder eben doch Kasernen, zu belegen kann man als temporäre “Entlastung” sehen, muss man aber nicht. Auch ohne diesen zeitlich auf 2015 begrenzten Vorteil gegenüber anderen Kommunen und gerade dann wäre ein dezentrales Konzept genauso nötig und sinnvoll. Eine kurze Rückfrage über das dezentrale Konzept bei seinen grünen Parteifreunden hätte Wendt eines besseren belehrt oder war ihm die Tatsache der zeitlichen Begrenzung durchaus bewußt, während er seinen alarmistischen Text verfasste, den er der RNZ erfolgreich als Interview andiente.
    Das “scheint” in “Mit dieser ausgleichenden Kombination aus Belastung und Entlastungscheint es nun vorbei zu sein” meidet nun gerade an der entscheidenden Stelle die Konkretheit, die man von einem Soziologieprofessor durchaus verlangen kann. “Mit dieser ausgleichenden Kombination aus Belastung und Entlastung IST es nun vorbei” hat er sich dann doch nicht zu schreiben getraut. Dass ihm nun weststadtbekannte Alttiefschwarze wie Herr Klöpper zustimmen, müsste nicht nur ihm zu denken geben. Ich habe 25 Jahre in der Weststadt gelebt und kann nicht erkennen, wie man in einer tollen Wohnung in diesem durchaus privilegierten Stadtteil lebend durch Flüchtlingsfamilien auf dem Willi Einschränkungen erleiden können soll. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass es auf dem Willi eher zu mehr guter Kommunikation zwischen allen Menschen dort kommt wie bisher. Was wäre der Schade? Und : Welche Alternative zum Willi stellt sich Wendt vor und warum nennt er keine in seinem Text?

  9. Melanie Steiert sagt:

    Wo genau soll ich mich als Weststädterin in meiner Lebensqualität eingeschränkt fühlen, wenn auf einem Teil des Wilhelmplatzes 50 – 100 Flüchtlinge untergebracht sind? Der Markt, die Stadtteilfeste usw. werden weiterhin stattfinden, Spiel und Spaß tut das keinen Abbruch. Genau so könnte ich mir vorstellen, dass die vielbeschworene Integration gelingen kann. Genau an diesen Orten des sozialen Austauschs sind positive Erfahrungen möglich, die laut Herrn Wendt zur Vertrauensbildung beitragen und so wichtig seien – im Gegensatz zur großflächigen Unterbringung von Asylsuchenden an den Stadträndern, wo es keine Berührungspunkte gibt. Zumindest sollte man diesem Projekt der kleinen, aufs ganze Stadtgebiet verteilten Einheiten eine Chance geben und nicht bereits im Vorfeld Stimmung dagegen machen.
    Desweiteren frage ich mich, wofür irgendwelche wissenschaftlichen Abhandlungen herangezogen werden müssen, wo es doch um eine für alle Beteiligten völlig neue Situation geht. Klar, wer gibt, der nimmt auch gern, dafür braucht es keine Studie. Aber dass die derzeitige Welle der Hilfsbereitschaft nur auf Geben UND Nehmen basieren soll, ist weit hergeholt und schlichtweg falsch. Es wirkt auf mich beinahe so, als sollte den Leuten bewusst gemacht werden – auch gerade denen aus den mittleren und höheren Einkommensgruppen, die bereit sind, “von ihrem Wohlstand abzugeben” – , dass sie doch für ihr Engagement nichts bekommen außer Einbußen in ihrer Lebensqualität.
    Je mehr ich darüber nachdenke, um so geeigneter kommt mir gerade der Wilhelmsplatz als Standort vor.

  10. Wolfgang Gallfuß sagt:

    Herr Wendt, lassen sie bitte die Kirche im Dorf….

    und 80 bis 100 Flüchtlinge zeitweise auf dem Wilhelmsplatz leben. Das dürfte doch wahrlich kein Problem für die Weststadt, die Weststädter oder für die Zukunft des Wilhelmsplatzes darstellen.

    Als gebürtiger Weststädter habe ich schon manche Veränderungen der Weststadt in den letzten 50 Jahren erlebt, manche auch aktiv bekämpft. Bspw. die Gentrifizierung der späten 70 er und 80 er Jahre, die einen heftigen sozialen Strukturwandel in der Weststadt von einem sozial sehr gemischten Wohngebiet zu einer teuren, privilegierten Wohlstandsinsel in Heidelberg bewirkte. Soll diese nun gegen Flüchtlinge verteidigt werden?

    Gerade weil die Unterbringung in Containern keineswegs eine privilegierte Wohnsituation darstellt, sollte mindestens der Standort solcher Container halbwegs akzeptabel sein. Der Wilhelmsplatz bietet sich dafür sehr gut an, besser als irgendeine Verkehrsinsel, ein am Rande liegender Parkplatz oder was auch immer abseits vom sozialen Leben in einer Stadt. Mitten in der Weststadt gelingt die soziale Integration besser als in der Peripherie.

    Wir sollten uns um die Lösung folgender Probleme und Fragen bemühen, darüber konstruktiv streiten und möglichst rasch eine öffentliche Debatte in einer Versammlung in der Weststadt führen:

    1. Wie wird gewährleistet, dass der private Lebensraum von 80 bis 100 Menschen am Rande des Wilhelmsplatz bei aller Einfachheit in Containern halbwegs akzeptabel zur Verfügung gestellt und möglichst konfliktarm organisiert wird ? Gibt es genügend private und gemeinschaftliche Aufenthaltsflächen, damit sich das Alltagsleben nicht ausschließlich im Freien abspielen muss, wodurch es dann zwangsläufig zu Konflikten mit den Nachbarn kommt… usw. usf.

    2. Was können die Stadtteilbewohner positiv zur Integration der neuen Mitbewohner beitragen? Wie kann man sie bspw. aktiv in die diversen Stadtteilfeste auf dem Wilhelmsplatz integrieren, wie in die Sportvereine, in die Kirchengemeinden, die politischen Gruppierungen usw?

    3. Container auf dem Wilhelmsplatz können nur eine Übergangslösung sein. Wohnungsbau am Rande des Wilhelmsplatzes ist und darf auch keine Lösung sein. Bleibt also „nur“ die Frage zu beantworten, wo und wie in Heidelberg sehr schnell ausreichend neue Wohnungen entstehen können, die auch bezahlbar sind. Nicht nur für in prekären Verhältnissen lebende MigrantInnen sondern auch für deutsche BürgerInnen, die es weniger gut haben, als der Großteil der Weststadtbevölkerung. Bei objektiv begrenzten Bauflächen in Heidelberg geht das eigentlich nur über einen radikalen Wechsel in der Wohnungs-in der Stadtentwicklungspolitik und durch ein geändertes Flächenmanagement in Heidelberg. Städtischer Grund-und Boden muss im Eigentum der Stadt bleiben, denn nur so kann klassischer sozialer Wohnungsbau in Eigenregie der Stadt mit dauerhaft preisgünstigen Wohnungen realisiert werden. Grün- und Freiflächen, die für die Ökologie und das Stadtklima wichtig sind, dürfen ebenfalls nicht einfach, aus der aktuellen Not heraus, zur Disposition gestellt werden. Die eine oder andere Gewerbeansiedlung, auf die man eigentlich verzichten kann ( bspw. der m.E. unnötige XXL Möbelmarkt neben dem neuen Bauhaus) aber auch etwas weniger privater Wohnflächenbedarf der besser gestellten BürgerInnen in Heidelberg sind Bausteine einer Gesamtstrategie zur Entspannung des Heidelberger Wohnungsmarktes.

    4. Sorgen bereitet mir allerdings auch, wie Herr Wendt mit akademisch verbrämter Argumentation die Wohlstandsinsel Weststadt verteidigt. Er benutzt dazu eine moralische Begründung, die den Austausch von materiellen Interesse zu angeblich beiderseitigem Nutzen zur Grundlage hat. In der Moralentwicklung von Kindern ordnet man diese Art der moralischen Begründung des Verhaltens Kindern zu, die sich „ … in der Regel… zwischen dem dritten und neunten Lebensjahr“ befinden….“ Menschliche Beziehungen werden vergleichbar mit der Austauschbeziehung des Marktes verstanden. Sie orientieren ihr Verhalten an dieser Gegenseitigkeit, reagieren also kooperativ auf kooperatives Verhalten, und üben Rache für ihnen zugefügtes Leid (………… „ich gebe, damit du gibst“; “Wie du mir so ich dir”).( Theorie zur moralischen Entwicklung von L. Kohlberg, zitiert nach Wikipedia). Reife, erwachsene Menschen sollten sich idealerweise in höheren moralischen Entwicklungsstufen bewegen und auf der Basis universeller moralischer Prinzipien, die nicht verhandelbar sind, argumentieren und ihre Entscheidungen treffen. Das Recht auf ein GUTES LEBEN FÜR ALLE ist dabei ein ganz wesentliches universelles Recht.

    Man könnte auch Karl Marx in diesem Zusammenhang mal wieder bemühen(1848, Kommunistisches Manifest): . Der Kapitalismus „…hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst…und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“

    Genug der Polemik. Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Menschenwürde unteilbar und auch nicht verhandelbar ist. Das ist Teil unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses und auch unseres Rechtswesens. Das sollten wir aktiv verteidigen und nicht diese Rechte auf dem Altar unserer Wohlstandsgesellschaft opfern.

    So wie die Kirche ins Dorf gehört, gehören Menschen in Not mitten unter uns. Wenn`s sein muss, auch auf den Wilhelmsplatz.

  11. Claus Wendt hätte es sich einfacher machen können in seiner Stellungnahme. Er hätte einfach sagen können: „Ich habe keine Lust, Einschränkungen in meinem Wohnquartier hinzunehmen, um Flüchtlingen zu helfen. Und viele Mitbürger haben das auch nicht.“ Stattdessen bemüht er sozialphilosophische und sozial-wissenschaftliche Argumente, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten.

    Solidarität heißt nicht, wie Wendt formuliert, zu geben um (auch) selbst ein besseres Leben zu erhalten. Solidarität bedeutet Verbundenheit mit und Unterstützung von Anderen in den Bereichen, in denen sie dieser Unterstützung bedürfen. In den zentralen Forderungen der Französichen Revolution taucht dies mit „Solidarité“ und „Fraternité“ (Brüderlichkeit) gleich zweimal auf. Dieses Verständnis zog sich durch alle politischen Programme der Arbeiterbewegung und deren Selbsthilfeorganisationen. Auch bei den christlichen Kirchen ist ein solidarisches Eintreten für die Armen und Schwachen konstitutiver Glaubensinhalt.

    Den Kriegsflüchtlingen, die zur Zeit nach Heidelberg kommen, fehlen in ihren Heimatländern weit wichtigere Dinge als „Kinderbetreuung, Sport- und Spielmöglichkeiten“, von denen Wendt befürchtet, sie könnten für die Heidelberger Bevölkerung eingeschränkt werden. Sie müssen in ihren Ländern täglich um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder bangen. Sie verfügen nicht über ausreichend Nahrungsmittel und in der Regel nicht einmal über eine medizinische Grundversorgung.

    Selbst bei der wissenschaftlichen Literatur gerät Wendts Argumentation in Schieflage. Er zitiert die Soziologen Walter Korpi und Joakim Palme. Diese ziehen in der Veröffentlichung „The Paradox of Redistribution and Strategies of Equality“ die Schlussfolgerung, dass Sozialleistungen langfristig umso weniger im Sinne einer Verringerung von Armut und Ungleichheit wirksam sind, je gezielter sie ausschließlich auf arme Bevölkerungsschichten ausgerichtet sind. Diese Studie umfasst allerdings soziale Transferleistungen in entwickelten westlichen Gesellschaften. Hieraus Schlüsse für die heutige Situation in bezug auf Flüchtlinge zu ziehen, lässt sich kaum vertreten.

    2013 ist zudem die Studie einer belgische Arbeitsgruppe unter Ive Marx zum gleichen Thema erschienen. Diese Studie bezieht sich auf deutlich mehr entwickelte Länder, erstreckt sich über einen längeren Untersuchungszeitraum und kommt zu gegenteiligen Ergebnissen. ___________________________________________
    Korpi, W. and Palme, J. (1998) ‘The Paradox of Redistribution and Strategies of Equality: Welfare State Institutions, Inequality, and Poverty in the Western Countries’, American Sociological Review, Vol. 63, No. 5, p. 661-687.
    Marx, I. Salanauskaite, L. Verbist, G (2013) The Paradox of Redistribution Revisited: And That It May Rest in Peace? IZA DP No. 7414

  12. Caroline Keil sagt:

    Ich denke vielen Heidelbergern, besonders Weststädtern spricht Herr Wendt aus der Seele, nur kaum einer sagt es öffentlich.
    Warum werden in anderen Stadtteilen nicht Plätze wie der Neuenheimer Marktplatz, der Platz um die Tiefburg oder andrere gesellscahftlich relevante Plätze auserkoren?. Gibt es tatsächlich keine anderen Flächen in der Weststadt?
    Sehr bemerkenswert ist die Passage über die schwedischen Soziologen.

  13. Hans J. Klöpper sagt:

    Eine beachtenswerte Einschätzung. Insbesondere der letzte Absatz des Beitrages von Professor Wendt sollte zum Nachdenken anregen!

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