Das große Duell

Im “Morning Briefing” des Handelsblatt stand heute zum “Fernsehduell” folgendes zu lesen:
“Das war kein Duell, sondern ein Bewerbungsgespräch. Martin Schulz will offenbar im September nicht Kanzler, sondern Büroleiter von Angela Merkel werden. Er verlangte nicht ihre Abwahl, sondern sehnte sich nach ihrem Respekt. Er habe zur Vorbereitung ein paar Sachen nachgelesen, vermeldete er stolz. Merkels Festlegung zur Rente fand er „toll“. Was man so sagt, wenn man den Job unbedingt haben will.

Im Detail hatte Schulz so manchen Verbesse­rungsvorschlag mitgebracht. Das Gesetz für eine Musterfeststellungsklage dürfe nicht so lange im Ausgangskorb des Kanzleramtes liegen, tadelte er einfühlsam. Bei der Maut stimmten Aufwand und Ertrag nicht, fand er. Doch erkennbar kämpfte hier nicht ein Herausforderer um die Seelen der noch unentschlossenen Wähler, sondern buhlte ein aus Brüssel Vertriebener um sein Bleiberecht in der deutschen Innenpolitik. Das Schlusswort hat er dann aufgesagt wie ein Gedicht in der Obersekunda. Nur dass der Dichter nicht Goethe hieß, sondern Béla Anda.

Dabei bot Merkel durchaus Angriffsflächen. Beim Thema Flüchtlinge beispielsweise geriet sie ins Schwimmen. Und was machte er? Schwamm hinterher.
Beim Jahrhundertthema Digitalisierung hatte sie außer ein paar luftigen Worthülsen nicht viel zu bieten. Und er? Unterbot sie noch. Weiter so in Rot.

Über die Bildungspolitik in Deutschland hätte man vortrefflich streiten können. Die Tatsache, dass die Journalisten das Thema ihrerseits nicht oben auf der Agenda führten, hätte Schulz, den Angreifer, nicht daran hindern dürfen, es dorthin zu setzen. Wer es später mit Trump und Putin aufnehmen will, sollte sich vor Claus Strunz nicht fürchten.

Nun könnte man positiv vermerken, dass die staatspolitische Verantwortung gestern Abend Regie geführt hat. Keiner der beiden Diskutanten hat unverantwortlich gesprochen. Anders als bei vergleichbaren Debatten in Amerika, Frankreich, Österreich und Großbritannien wurde gestern Abend in Berlin nicht gehetzt und nicht gezündelt. Obwohl Martin Schulz von den eigenen Leuten zur Attacke ermuntert worden war, schlug er nicht über die Stränge. Im Grunde genommen schlug er gar nicht zu.

Doch Wahlkampf ist nun mal der große Bieterwettbewerb der Demokratie, keine vorgezogene Koalitionsrunde. Es geht um Alternativen. Der Gegenentwurf zum Bestehenden muss dem Wahlvolk möglichst plastisch unterbreitet werden, damit dieses dann seine Entscheidung treffen kann. Der Kern vom Kern der Demokratie ist nicht der Konsens, sondern der Kampf der Meinungen. Es geht dabei nicht um Vergangenheitsbewältigung. Es geht um Zukunftsgewinnung.

Schulz hat gestern Abend sein Bestes gegeben. Von der SPD lässt sich das in diesem Wahlkampf leider nicht sagen. Sie hat den Deutschen einen Politiker vorbeigeschickt, der den SPD-Kanzlern Schröder, Schmidt und Brandt das Wasser nicht reichen kann.”

 

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