Gegen Turbo-Abi

Als die Kultusminister der Länder ohne Beratung mit Elternvertretern und Schulpädagogen am Gymnasium vom bis dahin gültigen 9-jährigen Schulbesuch (G9) bis zum Abitur einfach ein Jahr wegkürzten und G8 einführten, wurden hauptsächlich Interessen der Wirtschaft an jüngeren Abiturienten und Studienanfängern berücksichtigt. Heute zeigen sich die fatalen Folgen dieses unüberlegten Vorgehens der Politik an der Vielzahl von Schülern/innen, die unter Stress-Symptomen und Überforderung  leiden. Eltern, Schüler, Pädagogen und Psychologen fordern daher zumindest eine Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien, doch die Politik bockt noch herum. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hält weiterhin entschlossen am achtjährigen Gymnasium fest.

……Kopfschmerzen, bulimieartiges Auswendiglernen – um alles am nächsten Tag auszuspucken- und dann zu vergessen, häufige Absagen an Freunde und den Fußballtrainer, das Instrument auf dem Speicher verstaut, kaum noch einen freien Kopf am Wochenende……. Der Tag hat auch unter G8 nicht mehr als 24 Stunden.

Selbst sehr gute Schüler sind mit einer 36-Schulstunden-Woche zeitweise überlastet. Bei der Umstellung von G9 auf G8 wurde das “gesparte” Jahr auf die verbleibenden umgelegt – dies führte zu einer unverhältnismäßigen Anzahl von Wochenstunden für unsere Gymnasiasten.
Fatalerweise macht sich die Verdichtung besonders in der Mittelstufe bemerkbar, einer vulnerablen Lebensphase der Heranwachsenden, die von der Suche nach der eigenen Persönlichkeit, Gefühlsschwankungen, Abgrenzung von den Eltern, Widerstand……geprägt ist. Zeit, Ruhe und Geduld sind – oder besser wären- jetzt eine große Hilfe. Für die ganze Familie! Und für die Lehrer!
Als Grund der Reform wird von Bildungspolitikern immer wieder die “internationale Wettbewerbsfähigkeit” angeführt, die für Deutschland angeblich nur durch den 8jährigen Weg zum Abitur gesichert werden kann!
Pädagogen und Entwicklungspsychologen wurden dazu nicht befragt, auf Empfehlungen der OECD oder Bertelsmann Stiftung dafür umso mehr gehört…..!
Alle Anpassungsversuche gehen zu Lasten der Schüler – ist es heute nicht mehr notwendig Schulstoff durch Übung zu vertiefen oder benötigen die heutigen Schüler weniger Zeit, um Vokabeln zu beherrschen?
Die Antwort der Politik war bisher lediglich, Schulstoff zu streichen – in manchen Bereichen vielleicht ganz sinnvoll, doch bei Sprachen und den naturwissenschaftlichen Fächern eher eine fragwürdige Lösung.
Kinder haben ein Recht auf Bildung – vieles erfahren und ausprobieren zu können sollte Privileg der Kindheit sein und bleiben.
Ihnen ein Jahr ihrer Kindheit wegzunehmen, um sie früher dem Arbeitsmarkt zuzuführen, da wir doch ganz genau wissen, dass sie mindestens bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten werden, ist nicht nur unfair sondern schon fast zynisch! Zumal die wenigsten tatsächlich früher mit einer Ausbildung/Studium beginnen.
Unsere Kinder sind keine Versuchskaninchen der Schulvarianten! Sie benötigen Zeit, Zeit sich selbst zu finden, Zeit sich zu engagieren, Zeit für Ihre Umwelt und nicht zuletzt, Zeit um Kind sein zu dürfen und auch zu können. Diese grundsätzlichen Bedürfnisse dürfen auf keinen Fall wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden!
Wir Eltern müssen unseren Kindern eine starke Lobby sein!

Deshalb fordern wir die Rückkehr zum “alten” G9, nicht das gedehnte G8 der 44 Modellschulen, außerdem ein flexibles Nachmittagsangebot.
Für Schüler, die das wünschen und leisten können, sollte es die Möglichkeit geben, eine Klasse zu überspringen und somit auf der “Überholspur” in 8 Jahren zum Abitur zu gelangen, wie es auch in Bayern geplant ist.

Damit könnte man den Bedürfnissen aller Gymnasiasten gerecht werden!
Helfen Sie mit – gerne aktiv: es gib viel zu tun, von Umfragen organisieren, die Rückmeldungen auswerten, und natürlich unsere Initiative möglichst flächendeckend in ganz BW zu verbreiten.

Wir können viel erreichen:
1 Lehrer = 25 Kinder = 50 Elternteile
es gibt ca. 370 allgemeinbildende Gymnasien in BW, es werden dort ca. 300.000 Schüler unterrichtet – wie viele Elternteile können wir hiervon mobilisieren?

Verlierer des G8
- Fremdsprachen: den Schülern bleiben in der Mittelstufe 3 Schulstunden, um eine Fremdsprache zu erlernen
- G8 benachteiligt die Jungen. Jungen benötigen in der Pubertät mehr Zeit als Mädchen, um den gleichen Bildungsstand in der Schule zu erreichen. Die Folge sind eine höhere Sitzenbleiber-quote, höherer Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss, schlechtere Abiturnoten.

- Die Universitäten beklagen eine immer geringere Studierfähigkeit der Erstsemester. Die Folge sind Einführung von Eingangsprüfungen und „Vorsemestern“.
- Musikschulen  erleben verstärkt, dass Ihnen die „Mittelstufen“ und „Oberstufenkinder“ aus Zeitmangel fernbleiben.
- Vereine erleben Ähnliches wie die Musikschulen, dabei ist der körperliche Ausgleich sowohl für die Entwicklung des Geistes, als auch für die Entwicklung des Körpers eklatant wichtig.

Für den Inhaltlich verantwortlich:
Initiative G9 jetzt! Baden-Württemberg
Corinna Fellner und
Anja Plesch-Krubner
E-Mail: Kontakt@G9-jetzt-bw.de
www.g9-jetzt-bw.de

Resümee
Nach 15 Jahren Reformeuphorie hat sich in Bayern die CSU vom G8 verabschiedet, auch in Niedersachsen gibt es eine flächendeckende Rückkehr zu G9. Baden-Württemberg bietet eine geringe Wahlfreiheit zwischen beiden Konzepten, Bremen bleibt bis auf weiteres beim beschleunigten Abi, Rheinland-Pfalz hat das G9. Das ist nur eine kleine Auswahl, die zeigt, dass erstens nach wie vor in Sachen Bildung der Förderalismus Chaos stiftet, und zweitens die Unterstützung für G8 zu bröckeln beginnt.
Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, ist als Lehrer in Bayern über die Rückkehr zu G9 sehr froh, denn die Nachteile des unmotiviert eingeführten und ungetesteten G8-Abiturs hatte Schüler, Eltern und Lehrer in eine überfordernde Lehr- und Lernsituation gebracht. Die Antwort auf den gestiegenen Stress, Lernstoffe zu vereinfachen, Notenzugeständnisse gegen zu hohe Durchfallquoten zu kreieren und schwächere Gesamtleistungen in Kauf zu nehmen, widersprach grundsätzlich der Ursprungsidee von G8, gut gebildete Abiturienten früher in den Beruf zu bringen. Als Resultat der verkürzten Schulbildung standen für Uni-Absolventen mit ihrem Masterabschluss die Türen der Unternehmen allerdings nicht offen.  Grund der Ablehnung: „Sie sind zu jung für die ausgeschriebene Stelle.“

(aus: Westatdt Print 4/2017)

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