Das Kabarett „Bügelbrett“

Einst bekanntes Kabarett – heute vergessen.
Mit jedem neuen Programm, das sich die Heidelberger einfallen ließen, wuchsen ihr Erfolg und die Begeisterung der Kritiker. „Spontaneität“, „Geistesschärfe“, „Könnerschaft“ attestierte die „FAZ“. Westberlins „Tagesspiegel“ notierte: „Schärfer, aber auch treffsicherer läßt sich schwerlich schießen.“ Und auch die Züricher „Tat“ spendete den aggressiven Studenten „höchstes Lob“: Sie seien Ankläger „von Format“ und griffen Themen auf, „die andere nie zu behandeln wagen“.

Kaum einer weiß heute noch, dass es in Heidelberg ein Kabarett gab, das damals in der Oberliga der bekannten politischen Kabaretts spielte.

„Das Bügelbrett“ war ein deutsches politisches Kabarett, das besonders in den 1960er Jahren aktiv war. Es wurde 1959 von Studenten der Universität Heidelberg gegründet. Auf den 1. Berliner Kabarett-Tagen an der FU Berlin 1961/62 wurde es zum besten Studentenkabarett gewählt, Hannelore Kaub fungierte in dieser Phase bereits auch als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin.
Erstes öffentliches Aufsehen erregte 1962 das Programm „Trauer muß Europa tragen”.

Hannelore Kaub geb. Kunz (*7. Juli 1936 in Berlin) hatte in West-Berlin Publizistik studiert, dann wechselte sie zum Dolmetscher-Studium nach Heidelberg. 1959 schloss sie sich dort dem Studentenkabarett „Das Bügelbrett“ an.

Sie schrieb Texte, führte Regie und stieg recht schnell zur Hauptdarstellerin auf.

Nach ihrer Heirat mit dem kaufmännischen Leiter Erich Kaub übernahm sie 1960 die künstlerische Leitung.

Erich währt am längsten

Erich Kaub war schon vor seiner Zeit und Ehe mit Hannelore Kunz ein bunter Vogel in der damaligen universitären Szene.
Als er sich vor einigen Jahren in Heidelberg verlor, war er reichlich abgebrannt, der Student der Nationalökonomie und Kaufmannsgehilfe Erich Kaub, ehemals zweiter, danach erster Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) Heidelberg, Ex-Zweitvorsitender des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) in Bonn und weiland Organisator eines opulenten Deutschen Studententages in Berlin.“

So schaffte er es, im Keller des „Haus Buhl“ in der Hauptstraße 238, das zur Theologischen Fakultät gehörte, einen Studentenclub mit Kabarett und Ausschank alkoholischer Getranke unter dem Namen „tangente“ zu etablieren.

„Mit dem Zugpferd „bügelbrett“ eröffneten Kaub-Ehrke im Juni 1960 eine angenehme, gemütliche Studentenbar: Whisky ab 1,50, Bier eine Mark, inklusive Bedienung, Schallplattenmusik und Benutzung der akademischen Klubtoilette, exklusive Garderobe.“

Aus vielerlei Gründen wie Lärm, Nachbarschaftsbeschwerden und irregulären Steuererklärungen wurden Kaub und sein Kompagnon Ehrke des öfteren vom Vermieter Studentenhilfe (heute Studentenwerk) zum Rektorat zitiert.
In einer Aktennotitz der Universität vom 17. Juli 1961 steht:
Studentenlokal „tangente“, Der Senat nimmt mit Befremden Kenntnis von dem unkorrekten Geschäftsgebaren und der starken Überschuldung des im Keller des Hauses Buhl durch die ehemaligen AStA-Vorsitzenden Kaub und Ehrke eingerichteten Studentenlokals, über das sich verschiedentlich auch die Nachbarn und das Oekumenische Studentenheim beschwert haben. Die Mißstände wurden im einzelnen durch eine von der Studentenhilfe veranlaßte Prüfung der Rheinischen Treuhandgesellschaft festgestellt; sie sind Gegenstand der Besprechung in der nächsten Sitzung von Vorstand und Verwaltungsrat der Studentenhilfe am 24, Juli.

Im November heißt es weiter:
Am Freitag, den 10. November 1961, erschienen auf meine Aufforderung die Geschäftsführer der „Tangente“, Herr K a u b und Herr E h r k e.

Ich hatte vom Senat den Auftrag, ihnen die Mißbilligung des Senats für ihre Geschäftsführung im ersten Halbjahr auszusprechen. Sie kamen strahlend herein. Herr Ehrke hatte sich für den Gang zum Rektor einen farbigen Pullover übergezogen. Als ich ihnen die Mißbilligung des Senats aussprach, drückten sie ihre Verwunderung aus. Auf eine Diskussion habe ich mich nicht eingelassen, aber ich habe den deutlichen Eindruck, daß die beiden Herren sich des Ernstes der Lage nicht ganz bewußt sind oder jedenfalls so tun, als seien sie es nicht. Der Eindruck war äußerst ungünstig.“

Im Dezember war das Fass übergelaufen: „Studentenlokal „tangente“ (vgl.Senatssitzung vom 19.12.1961)

Der Senat nimmt mit Befremden zur Kenntnis, daß erneut Beschwerden über häufige/mitternächtliche Lärmbelästigung und grob unwürdiges Verhalten von Besuchern der „tangente“ erhoben werden. Eine weitere Duldung des Studentenlokals erscheint hiernach nicht mehr möglich. Die Vorfälle und die Verantwortung der Inhaber der „tangente“ sollen untersucht werden.

Kaub organisierte neue Räumlichkeiten und ließ sich den Namen „Tangente“ schützen. Im Lauf der Zeit eröffnete er in vielen Städten Studentenclubs unter dieser Marke. Seine geschäftliche Geschicklichkeit und Gerissenheit brachten ihm 1963 einen Zeitungsartikel ein, der überschrieben war mit: “Erich währt am längsten“ .

Im weiteren Verlauf seiner Karriere wurde Kaub der größte Diskothekenbesitzer in Süddeutschland und Österreich.
Heute ist Dr. Erich Kaub, 80, Ehrenvorsitzender des Deutschen Hotel und Gaststättenverbands, Inhaber des Bundesverdienstkreuzes und ehemaliges Mitglied der Münchener “Schickeria”.

Seine Frau Hannelore widmete sich damals ganz der künstlerischen Arbeit und schaffte es mit ihren talentierten Mitstreitern das „Bügelbrett“ überregional zu etablieren. Zunächst nur unter Studenten bekannt, gewann die Gruppe nach der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Hannelore Kaub 1961 zunehmend an Bedeutung in der deutschen Kleinkunstszene und entwickelte sich zum professionellen Kabarett.

Ihr späteres Heidelberger Domizil war das leerstehende Regina-Kino in der Bergheimerstraße 130.

Umzug nach Berlin. . .

Es folgte 1964 ein Umzug der Bühne nach Berlin, wo die Gruppe zunächst in der Hardenbergstraße spielte und später die alte Stachelschweine-Residenz in der Rankestraße bezog. Das erste Berliner Programm hatte den Titel „Millionen BILD-Leser fordern“.

Die bundesweite Bekanntheit der Kabarett-Truppe schlug sich auch in der Aufzeichnung für das Fernsehen beim NDR in Hamburg nieder. Allerdings wurden viele wichtige politische Spitzen der damaligen „Bügelbrett“-Kabarettisten Hannelore Kaub, Wolfgang Wiehe, Peter Knorr vom Sender nachträglich entfernt, was wiederum das Magazin DER SPIEGEL in seiner Ausgabe 30/1964 zu einem Artikel animierte. Darin schrieb der (nicht genannte) Autor: „Ein Mädchen und zwei Männer erschienen am Mittwochabend letzter Woche auf bundesdeutschen Bildschirmen und taten singend kund, sie seien „dankbar, daß wir frei hier oben stehen und sagen dürfen, was uns stört“.

Daß die drei Kabarettisten Hannelore Kaub, Peter Knorr und Wolfgang Wiehe vom Heidelberger „Bügelbrett“ in den nachfolgenden 47 Minuten dann doch nicht sagen durften, was sie störte, blieb deutschem TV-Volk verborgen: Die schärfsten Spitzen des Heidelberger Kleinkunst-Programms (Titel: „Stolz auf Deutschland“) waren von NDR -Oberen gekappt worden.“

Von 1969 bis 1981 pausierte Hannelore Kaub und mit ihr das Bügelbrett. 1981 gründete sie die Gruppe neu und wirkte wieder als Hauptdarstellerin und einzige Autorin. Anfang der 1980er Jahre wirkte sie auch in zwei Folgen des Scheibenwischers mit. Nach insgesamt 26 Programmen beendete Hannelore Kaub 1995 ihre Karriere mit dem Soloprogramm „Das Allerletzte”.
Sie lebt heute wieder in Berlin