Das Musebrodviertel

Nach einem Be­schluß des Heidelberger Gemeinderats im Jahre 1861 wurde die Weststadt hauptsächlich zwischen 1880 und 1910 bebaut. Ein starker Impuls für die Entstehung der Weststadt war der Bau des Bahnhofs 1840 und die gleichzeitige Eröffnung der Strecke Heidelberg – Mannheim. Im heutigen Sprachgebrauch wird unter der Weststadt im wesentlichen der alte Rohrbacher Baubezirk verstanden. Wohnviertel, die südlich (Richtung Rohrbach) von Kurfürstenanlage, Ringstraße, Gaisbergtunnel und Gaisberghang liegen. Reich waren sie nicht, die Leute aus dem Musebrodviertel. So nannten die Einwohner einst ihren Wohnbezirk, aus dem später die Weststadt wurde. Statt Wurst und Käse gabs meistens nur selbst eingekochte Marmelade aufs Brot. Schön wars auch damals schon, aber halt anders.
Heute kaum noch vorstellbar: vor Kriegsende 1945 war das Baggerloch, das heutige Bahnhofsgelände, und der angrenzende Wald vom Gaisberg bis zum Bierhelderhof Spielraum der Weststädter Kinder und Jugendlichen für Fußball und Hockey, im Wald konnten sie Hütten, Burgen und Höhlen bauen.
Im Jahre 1932 hatten wir in der Weststadt 11 Bäckereien, 9 Metzger, 5 Milchläden, 8 Obst- und Gemüseläden. Wie es heute, also 2011, aussieht kann ja jeder selbst beurteilen. Nicht nur für die Senioren des Stadtteils ist diese Entwicklung sehr schlecht, da die Wege oft weit sind und das Gespräch zwischen Kunde und Verkäufer verkümmert.
Die Weinwirtschaft “Zur Badischen Weinstube” in der Rohrbacher Straße 46 war eine wichtige “Einrichtung” für die Weststädter Handwerker. Der Wirt hieß Selz und war ein Original. Ein auswärtiger Gast wunderte sich einmal über die große Auswahl an rotem und weißem Wein. Erklärung von Wirt Selz: ” Bei mir kenne Sie jeden Wei bestelle, ich hab alle Etikette vorätisch.” Er hatte einen dreistöckigen Weinkeller und eine eigene Kellerei.
Die Fuhrwerke der Speditionen (Henk & Niederheiser), Brauereien (Schloßquell, Engelbräu) und Kohlehändler (Oberfeld) gehörten zum Weststadtbild. Das Handwerk war stark vertreten. Die Fuhrleute und Handwerker hatten ihre Wirtschaften, in denen sie in der Freizeit ihr Bier tranken: Storchen, Lokomotive, Trinkle, Schwarzer Peter (gibt es noch), Wilhelmsplatz (“kath. Bahnhof”); Frühstückswirtschaften waren: Drei Eichen, Sieben Zinnen, Badische Weinstube, Arche Noah, Jägerslust, Hutzelwald, Auerhahn, Löwenkeller (Rohrbacherstr.). In diesem Löwenkeller, wegen seinem Eiskeller so genannt, wurde während des Winters das Bier der Engelbräu eingelagert. Zudem war es die Stammkneipe jener italienischen Bergleute, die damals (1859-1862) den Gaisbergtunnel bauten.
Was für die Wirtshäuser gilt trifft auch auf die Cafés zu. In der Weststadt gab es 8 Cafés, heute ist es noch eines (Café Zimmer­mann in der Rohrbacher Straße).

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